12.01.2018

Ein Toter und sechs Verletzte – das war die Bilanz einer Messerattacke in Hamburg-Barmbek. Zum Beginn des Prozesses gut fünf Monate nach der Tat hat der Angeklagte Ahmad A. gestanden. Die Anklage hält ihn für voll schuldfähig.

Er stach in Hamburg auf Edeka-Kunden und Passanten ein – ein Mensch starb, sechs weitere wurden schwer verletzt. Zu Prozessbeginn lässt Ahmad A. ein Geständnis vorlesen. Zudem werden Details aus den polizeilichen Vernehmungen bekannt.

Er sieht anders aus als auf den Bildern direkt nach der Bluttat. Ahmad A. hat sich in der Untersuchungshaft einen dichten Bart wachsen lassen, er trägt eine randlose Brille, der weite Rollkragenpullover ist dunkelblau. Als die Fotografen in den Saal drängen, schirmt er sein Gesicht nicht mit einem Aktendeckel ab, er blickt nur gen Decke, streicht sich durch den Bart, manchmal murmelt er ein paar Worte auf Arabisch. Bei der ersten Vernehmung, nur wenige Stunden nach den Messerstichen, hatte A. die Beamten aufgefordert, neben seiner Unterschrift noch vier weitere Worte zu vermerken: „Ja, ich bin Terrorist.“

Die Bundesanwaltschaft wirft dem abgelehnten Asylbewerber Mord sowie versuchten Mord und schwere Körperverletzung in sechs Fällen vor. Am 28.Juli soll A. in einem Supermarkt im Stadtteil Barmbek Mathias P. mit einem Kochmesser mit 20 Zentimeter langer Klinge erstochen haben. Der 50-Jährige starb noch am Tatort. Danach verletzte A. laut Anklage einen weiteren Mann schwer, verließ dann den Supermarkt und attackierte auf der Fuhlsbüttler Straße fünf Personen.

Der mutmaßliche Attentäter von Barmbek ist geständig, gleich zu Beginn verliest sein Anwalt Christoph Burchard eine Erklärung seines Mandaten: Ahmad A. räumt alle Vorwürfe ein. Er habe unter großer innerer Anspannung gestanden und könne sich nicht an die genauen Abläufe erinnern. Er habe vor einem „religiösen Hintergrund“ gehandelt, der für ihn jedenfalls zur Tatzeit „grundsätzliche Bedeutung“ gehabt habe. „Ich trage die Verantwortung und bekenne mich schuldig.“

Das ist keine Überraschung: Schon in den Vernehmungen beim Landeskriminalamt (LKA) hatte er die Taten gestanden. Konkret will der Angeklagte am Freitag jedoch nicht werden. Fragt der Vorsitzende Richter ihn nach seinem Alkohol- und Drogenkonsum, nach seiner wechselhaften Frömmigkeit, nach seiner Internetrecherche zu radikalen Organisationen, lautet die Antwort immer gleich: „Das möchte ich nicht beantworten.“ Es ist sein gutes Recht als Angeklagter in einem Mordprozess. So bleiben am ersten Tag des Verfahrens einige blinde Flecken.

Fünf Meter von ihm entfernt sitzt der forensische Sachverständige Norbert Leygraf. Der Psychiater war in einem Gutachten vor Prozessbeginn zu dem Ergebnis gekommen, dass Ahmad A. voll schuldfähig sei. In seiner schriftlichen Einschätzung heißt es, bei dem 26-Jährigen seien keine psychischen Einschränkungen festzustellen, die die Tat am 28. Juli 2017 maßgeblich beeinflusst haben könnten.

Nach dem Messeranschlag waren Fragen aufgetaucht, ob der Asylbewerber psychisch krank gewesen sei und die Behörden ihn nicht ausreichend begutachtet hätten. Die Polizei hatte Anfang 2017 darauf verzichtet, den Mann, der mehrfach auffällig geworden war und als Islamist galt, eingehender psychologisch untersuchen zu lassen, obwohl der Verfassungsschutz dazu geraten hatte. Das Gutachten nach der Tat entlastet damit auch die Hamburger Behörden.

Die Frage der Schuldfähigkeit spielt bei der späteren Strafzumessung eine entscheidende Rolle. Ist ein Angeklagter nur eingeschränkt schuldfähig, mildert das in der Regel die Strafe. Noch ist der Befund vorläufig, im Laufe des Prozesses kann sich die Einschätzung ändern. Sollte A. verurteilt werden und das Gericht auch im Hauptverfahren die volle Schuldfähigkeit erkennen, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe von mindestens 15 Jahren.

Am ersten Prozesstag sagen zwei Beamte des LKA aus, sie haben Ahmad A. vernommen. „Er war sehr stolz auf seine Taten“, befindet der Beamte R., „er wollte sich als heldenhafter Terrorist präsentieren.“ Der Angeklagte habe in der Vernehmung gesagt, er hätte gerne noch mehr Menschen verletzt und getötet, sein Ziel seien Deutsche mit christlichem Glauben gewesen, möglichst Kinder und Jugendliche. Während der Vernehmung habe er einen Treueeid auf den IS geschworen. Die Anklage geht jedoch nicht davon aus, dass A. in islamistische Strukturen eingebunden war, er gilt als Einzeltäter, der sich einseitig als Teil des globalen Dschihad verstand.

Mit ihren Aussagen bestätigen die Beamten die Anklage. Der Angeklagte habe in der Vernehmung angegeben, sich erst wenige Stunden, bevor er den Supermarkt betrat, zur Tat entschlossen zu haben. „Er schilderte es als plötzlichen göttlichen Auftrag“, sagt der Beamte R. Am Tattag war A. zur Ausländerbehörde gefahren und hatte nachgefragt, ob sein Pass schon angekommen sei. Er wollte in den Gaza-Streifen ausreisen. In der Behörde erreichte er nichts.

Auf der U-Bahnfahrt zurück zu seiner Unterkunft habe er sich am Bahnhof Barmbek zur Tat entschieden. Eine Art plötzlicher Radikalisierungsschub, dem mehrere Episoden vorausgingen. Ahmad A. habe im Internet viel Material zum IS gelesen, der Konflikt um den Tempelberg und die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem habe ihn empört, so die Beamten. Und trotzdem: Es ist kein linearer Radikalisierungsverlauf, an dessen Ende zwangsläufig eine Bluttat steht, es gibt kein Netzwerk, keine Einflüsterer.

Die Geschichte von Ahmad A. ist auch die Geschichte einer Odyssee durch ein europäisches Asylsystem ohne Zugriff. Geboren wird er in Saudi-Arabien. Als er acht Jahre alt ist, zieht seine Familie zurück in den Gaza-Streifen, von dort stammt auch seine Mutter, eine Lehrerin. Er besteht das Abitur und fängt 2008 in Ägypten an, Zahnmedizin zu studieren. Nach einem Semester bricht er ab, es zieht ihn nach Europa, ihn fasziniert das Leben im Westen: „Ich wollte ein besseres Leben haben und mich finanziell verbessern“, übersetzt sein Dolmetscher vor Gericht. In Norwegen stellt er einen Asylantrag, als Grund nennt er Probleme mit der islamistischen Hamas-Bewegung in seiner Heimat Gaza.

Entsprach das den Tatsachen? fragt der Richter ihn im Prozess. „Nein“, sagt der Angeklagte. Er hält sich mit Hilfsjobs über Wasser, sein Antrag wird nach sechs Monaten abgelehnt. Er reist zu seinem Bruder nach Schweden, stellt einen Antrag, dieser wird mit dem Verweis auf seinen norwegischen Antrag abgelehnt. Auch sein Asylgesuch in Spanien scheitert. Als sein Widerspruch in Norwegen verworfen wird, reist Ahmad A. nach Deutschland und kommt über Umwege nach Hamburg. Das Leben im Westen, sagt Ahmad A. im Gerichtssaal, habe nicht seinen Erwartungen und Träumen entsprochen.

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article172434398/Barmbeker-Messerstecher-Nach-goettlichem-Auftrag-stach-Ahmad-A-zu.html

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