12.01.2018

In Kiel wird ein Fall von versuchtem Totschlag nahe der Landesunterkunft für Asylsuchende in Neumünster verhandelt

In einem Flüchtlingsheim bei Neumünster wird ein Mann durch Messerstiche fast getötet. Doch was passierte vorher, ein sexueller Übergriff oder ein Raubüberfall?
Eine Tat, zwei völlig verschiedene Erklärungen: Zum Prozessauftakt um eine lebensgefährliche Messerattacke in der Landesunterkunft in Neumünster bot sich dem Kieler Landgericht ein eher verwirrender Sachstand.

Fest steht bisher nur, dass der Angeklagte, ein 26-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, die Tat am Freitag gestanden hat. Der Mann sagte allerdings nicht selber aus, sondern ließ seinen Verteidiger eine Erklärung verlesen.

Demnach habe er im Juni 2017 mehrfach mit einem Küchenmesser auf einen 19-jährigen Albaner eingestochen. Der Grund: Der 19-Jährige habe ihn zuvor sexuell bedrängt. Angeekelt und schockiert habe er sich dann gegen dessen Annäherungsversuche gewehrt.

Für ihn als strenggläubigen Muslim seien solche Kontakte eine schwere Sünde, hieß es weiter. Fragen ließ der Angeklagte zunächst nicht zu.

Das Opfer wurde lebensgefährlich verletzt und musste notoperiert werden, sagte Oberstaatsanwalt Michael Bimler. Die Anklage lautet deshalb auf versuchten Totschlag. Demnach stach der 26-Jährige fünfmal auf das Opfer ein und nahm dabei dessen Tod in Kauf.

Der Angeklagte betonte in seiner Erklärung jedoch, er habe den Mann nicht töten wollen und sei davon ausgegangen, ihn nicht schwer verletzt zu haben.

Der 19-jährige Albaner – er ist auch Nebenkläger und reiste zum ersten Prozesstag aus seiner Heimat an – schilderte den Tathergang dagegen völlig anders. Ihm zufolge überfiel ihn der Angeklagte unweit des Flüchtlingsheims, bedrohte ihn mit einem Messer und forderte sein Portemonnaie mit 3500 Euro Inhalt.

Dann sei der Mann geflüchtet. Er habe ihn bis zur Landesunterkunft und zu dessen Zimmer verfolgt und dort sein Geld und seinen Pass zurückverlangt. Dabei sei er dann mit dem Messer attackiert worden.

Das Gericht bemühte sich anschließend, den genauen Ablauf des Tatgeschehens und Widersprüche in den Aussagen des Opfers und anderer Zeugen aufzuklären.

Dies jedoch gestaltete sich schwierig, auch wegen der Sprachbarriere. Das Gericht hat fünf Verhandlungstage festgesetzt. Das Urteil könnte Ende Januar verkündet werden.

https://www.welt.de/vermischtes/article172426260/Sexualtat-oder-Raubueberfall-26-Jaehriger-gesteht-Messerattacke-in-Fluechtlingsheim.html


13. Januar 2018

Eine Gewalttat in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge am Haart in Neumünster beschäftigt das Landgericht. War es ein sexueller Übergriff?

Neumünster | Eine Bluttat in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge am Haart beschäftigt seit gestern die 8. Strafkammer des Kieler Landgerichts. Angeklagt ist versuchter Totschlag. Nach einem Streit soll ein Mann (26) aus Afghanistan am 12. Juni vergangenen Jahres mitten in der Nacht auf einen Albaner (20) eingestochen und ihn lebensgefährlich verletzt haben. Zwar gab der Angeklagte am ersten Verhandlungstag über seinen Anwalt die Vorwürfe zu. Dennoch wirft die Auseinandersetzung viele Fragen auf, insbesondere wenn es um die Hintergründe der Tat geht. Dabei spielen Sprachbarrieren ebenso eine Rolle wie kulturellen Unterschiede und Drogenkonsum.

Dass der Ältere in der besagten Nacht gegen 2.30 Uhr mehrfach mit einem Küchenmesser auf seinen Kontrahenten einstach, steht außer Frage. Der heute 20-Jährige habe ihn aber zuvor sexuell bedrängt. Angeekelt und schockiert habe er sich gegen die Annäherungsversuche gewehrt. Erst als eine Kopfnuss und ein Stich in den Arm den jungen Albaner nicht stoppten, habe er Richtung Oberkörper gestochen. Er habe den Mann nicht töten wollen. Für ihn als gläubigen Moslem seien solche Kontakte eine schwere Sünde, verlas der Verteidiger für seinen Mandanten.

Das Opfer erzählte gestern eine ganz andere Geschichte: Demnach überfiel ihn der Angeklagte in der Nähe des Flüchtlingsheims, bedrohte ihn mit einem Messer und forderte Geld. Mit 3500 Euro und seinem Pass sei der Mann geflüchtet und in der Landesunterkunft verschwunden. Der Albaner will ihn bis ins Zimmer verfolgt und dort Geld und Papiere zurückverlangt haben. Dabei sei es zum Streit gekommen. Er selbst habe sich die Hose ausgezogen, „damit er das Geld wieder in die Tasche legen konnte“, so der Zeuge, der auch als Nebenkläger auftritt. Plötzlich sei er mit dem Messer attackiert worden.

Mit seiner Schilderung warf der Hauptbelastungszeuge Fragen auf. Immer wieder hakten die Juristen nach, zu viele Details variierten im Vergleich zu früheren Aussagen. Sexuelle Absichten wies der Mann von sich.

Sicher ist jedoch: Das Opfer hatte auf dem Gelände der Erstaufnahme eigentlich gar nichts zu suchen. Während der Angeklagte damals regulär dort untergebracht war, stuften mehrere Mitarbeiter des Wachdienstes das Opfer als sogenannten „Zaunspringer“ ein. „Das sind Leute, die illegal aufs Gelände kommen, um Leute zu besuchen oder zu übernachten“, hieß es.

Zu dieser Gruppe zählt der Wachdienst auch einen weiterer Zeugen (16), der offenbar die Bluttat mit ansah. Er will mit den beiden Männern zuvor mitten in der Nacht gefeiert haben. „Chillen, Hasch rauchen, Musik hören“, beschrieb er das Beisammensein. Doch Licht ins Dunkel brachte auch er nicht. Der Prozess wird fortgesetzt.

https://www.shz.de/lokales/holsteinischer-courier/prozess-nach-blutigem-streit-id18796531.html