28.05.17 18:53 Aktualisiert um 19.25 Uhr.

Kassel. Wieder hat es in der Kasseler Innenstadt eine Messerattacke gegeben. Dabei wurde ein Mann mehrfach verletzt.

Am Sonntagnachmittag hatte sich der Vorfall ereignet, wie die Polizei bestätigt. Gegen 16.45 Uhr war sie von Passanten alarmiert worden. Kurz zuvor war der Mann, ein 32-Jähriger mit türkischen Wurzeln, mit mehreren Messerstichen verletzt worden. Getroffen wurde er an Arm, Rücken und Oberschenkel. Da die Stiche nach ersten Informationen nicht tief sind, bestehe keine Lebensgefahr. Der Mann liegt im Krankenhaus.

Die Tat ereignete sich am Parkdeck Jägerstraße. Der Täter flüchtete zu Fuß Richtung Gießbergstraße. Die Polizei sucht nun nach ihm und beschreibt ihn so: Männlich, südländische Erscheinung, etwa 1,78 Meter groß, schlank, etwa 30 Jahre alt, schwarze Haare, bekleidet mit einem schwarzen T-Shirt und dunkler Hose. Er trug ein Schweißband oder einen Verband um eines seiner Handgelenke.

Zum Tatmotiv und zu den Hintergründen konnte die Polizei am Sonntagabend noch keine Angaben machen.

Wer Hinweise geben kann, soll sich bei der Polizei melden: 0561/910-0.

Dritte Tat in wenigen Tagen

Immer wieder kommt es in diesem Bereich der Innenstadt zu Vorfällen. Einen Großeinsatz wegen einer Messerattacke hatte es dort jüngst am Samstag, 20. Mai, gegeben. Dabei war ein 38-Jähriger von einem Angreifer schwer am Hals verletzt worden. Der Täter, ein 27-Jähriger, stellte sich wenige Stunden später der Polizei. Der 38-Jährige schwebte etwa zwei Tage in Lebensgefahr, ist mittlerweile aber auf dem Weg der Besserung.

Nach HNA-Informationen vermutet die Polizei, dass die Tat im Zusammenhang mit Bandenkriminalität stehen könnte. Die genauen Hintergründe der Messerattacke sind allerdings noch unklar.

Einen Tag später, am Sonntag, kam es erneut in diesem Bereich zu einer Auseinandersetzung: Im Café Firat, das mittlerweile wegen der Ermittlungen geschlossen ist, gab es eine Schlägerei. Ob sie in Zusammenhang mit der Messerattacke steht, ist nicht klar.

Nach den beiden ersten Taten haben wir uns in dieser Gegend der Kasseler Innenstadt umgeschaut und mit Anliegern gesprochen. Hier der Artikel dazu.

https://www.hna.de/kassel/messer-attacke-in-kasseler-innenstadt-8356661.html


22.05.17 07:00 Aktualisiert um 15.26 Uhr

Kassel. Der Tag danach – ein Ortstermin dort, wo am Samstag ein Mann durch eine Messerattacke schwer verletzt wurde. Eine Reportage von der Jägerstraße.

Als wir eintreffen, ertönen plötzliche Schreie aus dem Bistro, das keine 24 Stunden zuvor wegen einer Messerattacke im Mittelpunkt stand – und nun wieder im Mittelpunkt steht. Ein Augenzeuge berichtet, dass Stühle durch den Raum geflogen seien, die Polizei rückt an, ist schnell mit mehreren Beamten vor Ort und durchsucht das Café. Die Menschen, die in unmittelbarer Nähe wohnen, schauen aus ihren Fenstern. Auf der Straße bildet sich sofort eine Traube Neugieriger.

Tatort Jägerstraße. Wieder einmal. Der Mann, der in der Straße einen Imbiss betreibt, spricht davon, dass die Polizei an manchen Tagen hier in der Gegend 20-mal anrücke. Aber eigentlich braucht es keine Beschreibung Dritter, um zu sehen, dass es sich hier um einen Brennpunkt handelt. Auf der Straße: viele, die mittags schon mehr als angetrunken sind und in ihren Trainingsanzügen herumlaufen. Einer erzählt vom großen Geschäft und vom weißen Pulver und vom Kampf um die leichten Mädchen. Das also ist hier die Szene.

Den Mann vom Imbiss lässt die Situation nicht los. Seit zwei, drei Monaten ginge es wieder rund, sagt er. Afrikaner ohne Aufenthaltsgenehmigung würden hier Probleme bereiten. Darunter leide auch sein Geschäft. Er denkt an die nächsten Wochen, an die documenta, die auch in der anliegenden Hauptpost zu Gast sein wird. Und er denkt an die Tat am Tag zuvor.

Der Tag zuvor. Da habe er mit seinem Bruder vor seinem Imbiss gesessen, Tee getrunken, als alles passierte. Sein Bruder, ein Arzt, habe Erste Hilfe geleistet. Ohne ihn hätte das Opfer nicht überlebt. Inzwischen schwebt der Mann Mann nicht mehr in Lebensgefahr. Er ist aber noch im Krankenhaus.

Der Mann erzählt noch von einer Pistole, was zu den Aussagen am Samstag passt: Da war von Schüssen die Rede. In der offiziellen Mitteilung der Polizei heißt es: „Eine scharfe Schusswaffe war offenbar nicht zum Einsatz gekommen, nach derzeitigem Ermittlungsstand waren vermutlich Schüsse aus einer Schreckschusswaffe abgegeben worden.“

Vermutlich. Überhaupt bewegt sich viel im Bereich der Gerüchte. Schon am Freitag soll es Schüsse gegeben haben, heißt es in den sozialen Netzwerken. Die Polizei bestätigt das nicht. Ansonsten: Das Wort Bandenkriminalität fällt am Samstag nicht nur einmal. Aber es wird eben viel geredet auf der Straße, auf der sich die Menschen versammeln.

Das ist ja das Interessante: Es ist hier viel Leben – an den Tischen der Cafés und Imbisse, vor den Wettbüros und den anderen Geschäften. Und als am Samstag die Polizei unter Hochdruck nach dem Täter fahndete und die Menschen zu Dutzenden hinter den Absperrbändern standen, ging es vielerorts einfach weiter. Fast jeder dritte Laden ist hier ein Friseurgeschäft, hier herrschte Hochbetrieb – und manche schauten von ihrem Stuhl direkt auf den Tatort.

Und nun? Sonntag wieder. Der Tag danach. Die Polizei erneut im Einsatz. Später spricht sie von einer Körperverletzung im Café. Dass so viele Beamten anrückten, habe mit den Ereignissen zuvor zu tun.

Im Bereich des Sterns treffen zwei Stadtteile aufeinander. Die Kurt-Schumacher-Straße ist insofern die Trennlinie. Der Teil Richtung Innenstadt gehört zum Stadtteil Mitte, der Bereich Richtung Holländischer Platz zählt schon zur Nordstadt also auch die Jägerstraße, in der sich die Messerattacke mit einem Schwerverletzten am Samstagnachmittag ereignet hat.

https://www.hna.de/kassel/nord-holland-ort304156/nach-messerangriff-in-kassel-vor-ort-am-brennpunkt-jaegerstrasse-8336101.html


30.05.17 11:30

Die vier Elftklässler der Reuter-Schule haben sich ein heißes Pflaster ausgesucht, um ihren Döner in der großen Pause zu verspeisen. In der Einfahrt zum Parkhaus an der Jägerstraße, wo die Jugendlichen zusammen stehen, gab es tags zuvor erst wieder eine Messerattacke – die zweite innerhalb von acht Tagen. Mischt sich da nicht ein unguter Beigeschmack in den Pausensnack? „Naja, direkt unsicher fühlt man sich nicht, aber auch nicht gerade wohl“, sagt Simon. Nachts, da sind sich die Oberstufenschüler einig, würden sie jedenfalls nicht hierhergehen.

Das Quartier am Stern, noch nie ein Vorzeigepflaster, kommt aus den Schlagzeilen nicht mehr heraus. „So schlimm war es noch nie“, sagt ein Geschäftsmann, der seit vielen Jahren in dem Viertel tätig ist, und zusammen mit einem Imbissbetreiber ein paar Schritte weiter in der Parkhauseinfahrt in der Sonne steht. „Hier wird mit allem gedealt“, berichtet er. Dealer und Hehler seien schon tagsüber an allen Ecken aktiv. Von dem Vorfall am Sonntag habe er nichts mitbekommen, sagt der 28-jährige Imbissbetreiber. „Wenn die Polizei kommt, gucke ich schon gar nicht mehr hin: Ich will da nichts mit zu tun haben.“ Warum sich die Straftaten auf einmal so häufen? Die beiden Männer, die selbst ausländische Wurzeln haben, zögern nicht mit der Erklärung: „Wegen der vielen Migranten“, sagt der Geschäftsmann. „Und Menschen wie wir, die sich nichts zuschulden kommen lassen, werden mit in den Dreck gezogen.“

Hinter dem Rücken der beiden Männer zeichnet die Überwachungskamera der Spielhalle Las Vegas das Geschehen in dem Hinterhof auf. Erst vorige Woche hat der Betreiber in ein besseres Modell investiert. „Auch zu unserer eigenen Sicherheit“, sagt der 44-Jährige. Außerdem habe er der Polizei schon mehrfach Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt. Vor ein paar Jahren sei weitgehend Ruhe gewesen im Quartier. „Da hatten sie saubergemacht“, sagt der türkischstämmige Spielhallen-Chef und meint damit, dass viele Dealer hinter Gitter gebracht wurden. „Aber jetzt ist es wie eine Flutwelle wiedergekommen – aber zehnmal so schlimm.“

Rivalisierende Banden kämpften um das Revier, sagt er: „Meine Straße, deine Straße.“ Soweit er wisse, stünden dabei Kurden und Araber in Konkurrenz. Der Geschäftsmann wünscht sich, dass die Stadt mehr macht, um den Brennpunkt am Stern zu entschärfen. Saubermachen, sagt er wieder. Aber er habe das Gefühl, dass die Behörden sogar bewusst wegschauten. „Das wird hier abgetan als der Abschaum von Kassel.“

https://www.hna.de/kassel/nord-holland-ort304156/drogenhandel-und-hehlerei-sagen-geschaeftsleute-ueber-kasseler-stern-8361876.html

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