24. Mai 2017, 15:50h

Selbstjustiz – Tschetschenische Community in Berlin: „Moralwächter“ drohen Frauen und Schwulen mit Gewalt

Laut dem russischsprachigen Portal „Meduza“ hat sich in der deutschen Hauptstadt eine Schlägertruppe etabliert, die bereits mehrere Frauen zur Einschüchterung verprügelt habe.

Unter tschetschenischen Einwanderern und Flüchtlingen in Berlin kursiert ein Video, in dem Menschen, die sich nicht an vermeintliche „traditionelle“ Moralvorstellungen halten, von einer Gruppe von Männern Gewalt angedroht wird. Das berichtet die russischsprachige Internet-Zeitung „Meduza“ mit Sitz in Riga unter Berufung auf einen Journalisten in Berlin, der mit Angehörigen der Community sprach.

Demnach hätten viele der Tschetschenen in Berlin Anfang Mai ein Video über WhatsApp erhalten, in dem ein nicht zu sehender anonymer Mann sagt: „Assalam Alaikum, muslimische Brüder und Schwestern. Hier in Europa tun einige tschetschenische Frauen und Männer, die wie Frauen aussehen, schreckliche Dinge. Sie wissen das und ich weiß das, jeder kennt das. Deshalb machen wir diese Botschaft. Über 80 Menschen haben sich bisher zusamengefunden.“ Zu dem Text zeigt das Video ein Stockfoto eines maskierten Mannes, der eine Pistole drohend in Richtung Kamera hält.

Die Tugendwächter setzen auch bildlich auf Einschüterung. Das von ihnen zum Video verwendete Stockfoto wird unter anderem mit den Stichworten Verbrechen, Gefahr, Pistole, Ziel, Bedrohung oder Gewalt beworben.

In dem Video wird beklagt, dass viele Menschen ihre nationale-kulturelle Identität (Nokhchalla) ignorierten, wenn sie mit Personen anderer Nationalitäten anbandeln oder „den falschen Weg“ wählen würden: „Tschetschenische Frauen und diese (verweiblichten) Wesen, die sich tschetschenische Männer nennen, wir werden sie alle ‚korrigieren‘, bei jeder Gelegenheit. Wir haben auf den Koran geschworen. Das ist unsere Botschaft, damit ihr nicht sagt, wir hätten euch nicht gewarnt. Möge Allah uns Frieden bringen, lasst ihn uns zu Gerechtigkeit führen.“

Die Gruppe habe allein in den letzten Wochen zwei junge Frauen in Berlin zusammengeschlagen, so „Meduza“. Dates mit Nicht-Tschetschenen, Rauchen, Alkohol, der Besuch einer Diskothek oder eines Schwimmbads oder ein freizügiges Foto in einem Chat könnten alle als Begründung für Einschüchterungen und Gewalt herhalten.

Alle in Berlin lebenden Tschetschenen würden diese Gruppe kennen, berichtet das Portal. Es handle sich überwiegend um Anhänger des früheren, im ersten Tschetschenien-Krieg von Russland getöteten tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew, die sich mit den Anhängern des aktuellen, russlandnahen Präsidenten Ramsan Kadyrow geradezu einen Wettstreit lieferten, wer „traditioneller“ sei.

Der Bericht von „Meduza“ liegt bislang nur auf Russisch vor. Das Bild aus dem Jahr 2015 zeigt eine Flüchtlingsunterkunft in Berlin, in der auch Tschetschenen beherbergt werden

Die anonyme Gruppe verschärfe einen Konflikt um mit Gewalt durchgesetzte Moralvorstellungen, der sich in Berlin schon länger bemerkbar mache – die Zeitung liefert in dem Artikel mehrere Beispiele aus dem letzten Herbst zur Gewalt an Frauen durch die eigene Familie wie durch Fremde. Das Problem werde auch immer stärker, da sich Zuwanderung und Flucht aus Tschetschenien in Deutschland vor allem auf die Hauptstadt konzentriere, die Menschen so unter sich blieben und Gruppen eine Chance hätten, Druck auszuüben.

Zu Tschetschenien selbst hatten in den letzten Wochen Schlagzeilen dominiert, wonach Sicherheitskräfte hunderte Männer wegen angeblicher Homosexualität in außergesetzliche Gefängnisse verschleppten und dort folterten. Von „Meduza“ in Berlin befragte Tschetschenen glauben die Meldungen über die Geheimgefängnisse nicht – sie glauben, Schwule würden direkt erschossen.

Der Verein für russischsprachige LGBTI in Deutschland, Quarteera, hat sich nach eigenen Recherchen zu dem Artikel „über die gewaltsamen Übergriffe und Morddrohungen in der tschetschenischen Diaspora in Deutschland“ sehr besorgt gezeigt. „Mitten in Berlin begeht eine Gruppe als selbsternannte ‚Moralpolizei‘ schwere Verbrechen. Bedroht sind tschetschenische Frauen, schwule und bisexuelle Männer sowie Trans*Menschen, die ihre nordkaukasische Heimat verlassen haben bzw. mussten, in der Hoffnung in Deutschland ihr Leben frei leben zu können. Nun werden sie hier wieder mit der Angst vor Verfolgung konfrontiert“, sagte Wanja Kilber von Quarteera gegenüber queer.de.

Der Verein stehe mit zwei Betroffenen in Kontakt. „Wir fordern die Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft auf, Untersuchungen einzuleiten und die Fälle aufzudecken und danach auch das BAMF sowie die Öffentlichkeit über die Ergebnisse zu informieren“, so Kilber.

http://www.queer.de/detail.php?article_id=28904

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