28.05.2017

Die Leitkultur. In schöner Regelmäßigkeit und gern auch zu Wahlkampfzeiten reproduzieren Politiker die Debatte und ernten dafür in dieser zunehmend polarisierten Gesellschaft Jubel wie Zeter und Mordio.

Kürzlich diktierte Bundesinnenminister Thomas de Mazière der „Bild am Sonntag“ zehn Thesen zur Leitkultur in den Notizblock. Das mag zwei Gründe haben. Erstens holten im sächsischen Wahlkreis des Ministers schon bei der letzten Bundestagswahl NPD vier Prozent und AfD sieben Prozent.

Zweitens präsentierte de Mazière kürzlich die Kriminalstatistik 2016 – mit nachdenklich stimmenden Zahlen: Demnach gab es im vergangenen Jahr 616 230 nichtdeutsche Tatverdächtige (Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht nicht mitgezählt). Das sind 30,5 Prozent aller Tatverdächtigen. Zugleich nahmen die Gewaltverbrechen deutlich zu – und auch hier der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen.

„In Deutschland ist etwas ins Rutschen geraten“, bilanzierte der Bundesinnenminister. Zur deutschen Leitkultur gehöre auch, so de Mazière in einer seiner zehn Thesen, dass „Konflikte ohne Gewalt“ zu lösen seien. Was aber, wenn eine wachsende Zahl junger Täter sehr wohl Gewalt als Mittel der effizienten Konfliktlösung im Alltag erprobt und erfährt – und Opfer sich dem ohnmächtig ausgesetzt erleben? Ein Beispiel aus Bad Godesberg.

Am Abend des 9. April ist der 26-jährige Christian (Namen auf Wunsch der Opfer geändert) mit seinem Freund Lukas gegen 22 Uhr zu Fuß auf dem Bürgersteig der Koblenzer Straße unterwegs, als sich in ihrem Rücken ein Radfahrer mit hohem Tempo nähert, die beiden überholt, dabei Lukas anrempelt. Der ruft empört hinterher: Können Sie nicht aufpassen? Das ist ein Bürgersteig!

Augenblicklich steigt der Radfahrer in die Bremsen und dreht sich zu den beiden Fußgängern um: Wollt ihr Stress? Die gehen, nichts Böses ahnend, unbekümmert weiter, nähern sich dem Radfahrer, der auf sie wartet. Jung, dem Aussehen nach kein Europäer, sondern Orientale oder Nordafrikaner. Kapuzenshirt, die Kapuze über den Kopf gezogen. Neuwertiges, schickes Mountainbike. Nein, wir wollen keinen Stress. Aber du könntest vorsichtiger fahren; das hier ist ein Fußgängerweg. Der Kapuzenmann entgegnet: Ihr wisst nicht, mit wem ihr euch anlegt. Dann geht alles ganz schnell:

Der Kapuzenmann zückt einen Teleskop-Schlagstock (im Volksmund auch „Totschläger“ genannt). „Ich hörte nur, wie es in seiner Hand klack machte.“ Er schlägt Christian damit ins Gesicht und trifft dessen Kiefer. Noch während der 26-Jährige torkelt und benommen zu Boden sinkt, versetzt der Aggressor Christians Freund einen Kopfstoß und bricht ihm damit das Nasenbein. Schwer blutend geht auch Lukas zu Boden.

„Beim Täter standen nun weitere Leute, Gäste eines Imbissladens, und redeten kumpelhaft mit ihm, während wir da lagen“, erinnert sich Christian. „Lukas sagte zu ihnen: Kann jemand die Notrufnummer wählen? Daraufhin machte sich der Täter davon – aber niemand von diesen Leuten half uns.“

Schließlich halfen zwei jugendliche Passanten, besorgten Taschentücher, um die Blutung zu stoppen, ein Fahrer der Stadtwerke stoppte seinen Bus, stieg aus und alarmierte Polizei und Notarzt.

Christian und Lukas wurden mit dem Rettungswagen ins Waldkrankenhaus gebracht. Christian musste zwei Tage zur Beobachtung dort verbringen. Nicht vorrangig wegen des extrem geschwollenen Kiefers, sondern wegen der Gehirnerschütterung. Die Ärzte sagen, er habe großes Glück gehabt. Denn seit einer Gehirnoperation zur partiellen Entfernung eines Tumors trägt Christian eine Metallplatte unter der Kopfhaut oberhalb der Schläfe. Hätte ihn der Schlagstock zehn Zentimeter höher getroffen – die Begegnung hätte für ihn schwere Schädigungen oder den Tod bedeutet.

Nach der Entlassung wurden die beiden Opfer zur Polizei in Bad Godesberg vorgeladen und dort getrennt vernommen. Bei der Sichtung der sogenannten „Lichtbildvorzeigekartei“ deuteten sie unabhängig voneinander auf dieselbe Person. „Dann wurden wir gefragt, wie sicher wir uns denn seien, und mussten eine Prozentzahl angeben.“

Eine Prozentzahl. Was gibt man da an, wenn man sich eigentlich sicher, aber vielleicht nicht hundertprozentig sicher ist? Alles ging so schnell. Der Täter trug eine Kapuze über der Kurzhaarfrisur – der Mann auf dem Foto aber keine Kapuze und lange Haare. Und man will ja schließlich keinen Unschuldigen …

Beide gaben unabhängig voneinander 65 Prozent an. „Tja, bei 65 Prozent könne man nicht viel machen, wurde uns gesagt. Es fehlten ja die Beweise. Und in Godesberg würde ohnehin alles immer schlimmer. Dann wurden unsere Aussagen aneinandergetackert, und wir konnten gehen. Seither haben wir nichts mehr davon gehört.“

Auf Nachfrage des General-Anzeigers teilte das Bonner Präsidium mit, dass die Ermittlung des Kriminalkommissariats 37 abgeschlossen wurden und die Verfahrensakte am 25. April an die Staatsanwaltschaft Bonn zur Prüfung abgegeben wurde.

Christian hat zwölf Jahre seiner Kindheit und Jugend außerhalb Europas verbracht. Etwa im arabischen Jemen, im afrikanischen Mali – seine Eltern waren Jahrzehnte als Entwicklungshelfer unterwegs, haben ihn Toleranz und Weltoffenheit gelehrt. Das Vorbild der Eltern sowie die lange Zeit im Ausland haben sein Weltbild geprägt – und das wolle er sich nicht durch dieses abendliche Ereignis auf der Koblenzer Straße verrücken lassen, sagt er. Doch auf der Seele hat das Erlebte Spuren hinterlassen.

Die jüngste Kriminalstatistik klingt dramatisch, überrascht Experten aber keineswegs. „Wir haben ja auch jetzt eine Million Menschen mehr im Land, die keine Deutschen sind“, sagt Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Den Großteil der Straftäter haben unabhängig von ihrer Herkunft schon immer junge Männer gestellt. Im Jahr 2014, also vor dem großen Zustrom, lag der Anteil der männlichen 14- bis 30-Jährigen an der Bevölkerung bei neun Prozent – diese neun Prozent waren für 60 Prozent aller aufgeklärten Gewalttaten verantwortlich.

Auch die größte Gruppe unter den Zuwanderern sind junge, allein reisende Männer. Weil sie eine geringere Bindung an die Heimat verspüren, risikobereiter als Familien oder ältere Menschen sind, die meiste körperliche Energie und somit die größere Chance besitzen, eine lebensgefährliche Flucht zu überstehen. Nicht wenige sind durch Erlebtes im Heimatland seelisch verroht, nicht wenige haben unterwegs gelernt, dass egoistisches Handeln das Überleben erleichtert.

Selbst wer vor dem brutalen IS-Terror flüchtet, sehnt sich zwar temporär nach Sicherheit – aber deshalb nicht zwangsläufig nach einer liberalen Gesellschaft westeuropäischen Zuschnitts. Die Kölner Silvesternacht hat dies deutlich gemacht: „Deutschland importiert auch eine neue Macho-Kultur“, formuliert es Christian Pfeiffer, ehemaliger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

„Besonders problematisch ist aber die zweite Generation“, beobachtet der 26-jährige Christian. „Wenn der soziale Aufstieg nicht glückt, wenn Frustration und Desillusionierung siegen.“ Christian betont, der Arbeit der Polizei großen Respekt entgegenzubringen. „Aber wenn so etwas in unserer subjektiven Wahrnehmung wie ein Kavaliersdelikt erscheint, dann stimmt was nicht. Wenn jemand eine solche Waffe besitzt und sich damit auskennt, wie man anderen das Nasenbein bricht, dann muss man den doch unbedingt finden und zur Verantwortung ziehen. Bad Godesberg hat sich verändert. Selbst während meiner Zeit im Jemen habe ich mich nie so bedroht gefühlt.“

Welches Selbstbewusstsein tanken junge Gewalttäter, wenn ihre Tat für sie folgenlos bleibt? Wie verändert sich nicht nur die Haltung von Opfern und Angehörigen, wenn eine sehr kleine, aber extrem gewaltbereite Minderheit unter den Migranten das mehrheitliche Bewusstsein der Gesellschaft prägt? Eines steht fest: Mit zehn Thesen zur Leitkultur ist das Problem nicht gelöst.

Vor einigen Tagen erhielten die beiden Verbrechensopfer Post von der Bonner Staatsanwaltschaft mit der Nachricht, dass die Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung eingestellt wurden.

http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/kultur-und-medien/In-Bad-Godesberg-wird-ohnehin-alles-immer-schlimmer-article3563331.html


Bad Godesberg: Niklas P. (17) totgeschlagen – Niemand geht ins Gefängnis – Schlampige Arbeit der Staatsanwaltschaft

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