Im  Haller Gefängnis wird die Arbeit für das Personal immer schwieriger. Seit dem vergangenen Jahr häufen sich in der überbelegten Anstalt einzelne Angriffe von Gefangenen auf Bedienstete. Im Februar bekam der Anstaltsarzt von einem Insassen einen schweren Faustschlag ins Gesicht. Im Juni randalierte ein angetrunkener Gefangener und verletzte fünf Vollzugsbeamte. Ein Opfer erlitt eine Gehirnerschütterung und einen Nasenbeinbruch, ein zweiter eine schwere Platzwunde, ein anderer einen Fingerbruch.

Im August traf es einen heute 51-jährigen Vollzugsbeamten, der bei einer Auseinandersetzung unter Gefangenen eingreifen wollte. Ihm trat ein Insasse mit dem Fuß brutal in die linke Rippengegend.

Der Täter musste sich jetzt wegen „Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte“ und „vorsätzlicher Körperverletzung“ vor dem Haller Jugendschöffengericht verantworten. Streng bewacht wird der heute 21-jährige Angeklagte aus dem Bruchsaler Gefängnis in den Gerichtssaal gebracht. Der kleingewachsene junge Mann trägt einen hellblauen Reißverschlusspullover mit hohem Kragen. Seine hellen Jeans sitzen modisch tief auf den schmalen Hüften. Große blaue Augen prägen das eher fein geschnittene, bleiche Gesicht. Dass dieser jungenhaft wirkende 21-Jährige ein Gewalttäter ist, mag man auf den ersten Blick nicht glauben.

Ohne Mutter, nur mit seinem Vater und zwei Brüdern, siedelte er als Sechsjähriger aus Usbekistan nach Deutschland über. Er bekam die deutsche Staatsbürgerschaft, konnte sich später in seiner neuen Heimat aber nicht zurechtfinden.

Schon im Alter von 14 Jahren wurde er zum ersten Mal straffällig. Gegenwärtig verbüßt er in Bruchsal eine Jugendstrafe von neun­einhalb Jahren. Diese extrem hohe Strafe ist eine Folge von vielen Körperverletzungen und anderen schweren Straftaten, die er im Laufe der letzten Jahre begangen hat. Dabei war er häufig als Mittäter unterwegs oder handelte, wie bei einer Massenschlägerei im Jugendgefängnis von Adelsheim, zusammen mit anderen Gefangenen.

Auch die jetzt in Rede stehende jüngste Tat im Haller Gefängnis hat er aus seiner Gruppe heraus begangen. Im Haus 5, in dem Gefangene mit russlanddeutscher und andere mit sogenannter arabischer Herkunft untergebracht sind, gab es am 22. August letzten Jahres während der „offenen Freizeit“ Unruhe. Gefangene benutzten die Flurküche. Es gab Geschrei, ein Kochtopf flog durch die Luft. Der jetzt als Zeuge gehörte 51-jährige Vollzugbeamte, der zum Opfer wurde, wollte eine Zwischentür aufschließen. Aufgebrachte Gefangene hinderten ihn daran. Zwei hätten direkt bei ihm gestanden, berichtet der 51-jährige Zeuge. „Da kam der Fuß zwischen den zweien durch!“ Der Fußtritt habe ihn an den Rippen getroffen. Der jetzt angeklagte Täter habe noch gerufen „Komm her, ich mach dich alle!“, sei aber dann von sich aus „auf Abstand geblieben“.

Der Beamte wurde geröntgt und wegen der schmerzhaften Rippenprellung für vier Tage krank geschrieben. Der Täter wurde zunächst in das Gefängnis von Heimsheim verlegt, bevor er nach Bruchsal kam. Der 21-Jährige gibt den Angriff zu. Sich zu entschuldigen, lehnt er klar ab. „Geht nicht“, erklärt er mit fester Stimme. Eine Begründung liefert er nicht. Er lenkt auch nicht ein, als Richter Dr. Wolfgang Amendt an sein Einfühlungsvermögen appelliert. Verteidiger Josef Gläser (Bad Mergentheim) argumentiert, die schwierige mutterlose Kindheit des Angeklagten habe zu einer Reifeverzögerung geführt: „Er ist zu einem sehr frühen Zeitpunkt entwurzelt worden.“

Wie von Oberstaatsanwalt Peter Bracharz beantragt, stockt das Gericht die bisherige Jugendstrafe des 21-Jährigen um weitere vier Monate auf. Jetzt sind es neun Jahre und zehn Monate. Richter Dr. Amendt spricht von einer „absoluten Verrohung“, die in der Entwicklung des Angeklagten festzustellen sei.  Einen Teil der hohen Jugendstrafe hat der junge Gefangene schon verbüßt. Das reguläre Entlassungsdatum liegt jetzt im September 2021.

Ermahnung: Der junge Angeklagte ist nicht bereit, sich bei dem angegriffenen Vollzugsbeamten zu entschuldigen und erklärt mehrfach: „Für mich geht das nicht.“ Richter Dr. Wolfgang Amendt hält das für „nicht nachvollziehbar“ und reagiert: „Ich sage Ihnen: Das ist nicht unsere Welt. Da werden Sie in unserer Welt scheitern.“

Zeichen: Oberstaatsanwalt Peter Bracharz untermauert seine Forderung nach Erhöhung der Jugendstrafe beim Angeklagten mit den Worten: „Dadurch wird dokumentiert, dass wir uns solche Übergriffe nicht gefallen lassen!“

Verrohung: Der 51-jährige Vollzugsbeamte, der durch den Fußtritt verletzt wurde, sagt als Zeuge: „Es wurde rauer, das Ganze.“ Die Anstalt sei  voll belegt: „Wir haben 50 Leute auf dem Stock.“

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