Der „Dönermesser-Mord“ von Reutlingen fiel in eine nervöse Zeit. Der Anschlag eines minderjährigen Flüchtlings in einer Regionalbahn bei Würzburg, bei dem vier Menschen schwer verletzt wurden, lag gerade sechs Tage zurück.

Der Amoklauf eines iranischstämmigen Mannes in München war auch nur einige Tage her. Und der Sprengstoffanschlag eines syrischen IS-Terroristen vor einem Weinlokal im bayerischen Ansbach, bei dem 15 Menschen verletzt wurden, ereignete sich am 24. Juli, also an dem schwülen Sommertag, an dem auch der Reutlinger Täter Mohammad H., ein anerkannter syrischer Asylbewerber, mit einem Dönermesser durch die Stadt am Rande der Schwäbischen Alb zog. Für viele Bürger lag der Verdacht nahe, dass Deutschland nun im wöchentlichen Rhythmus Terroranschläge des „Islamischen Staates“ erleben könnte. Zumindest im Fall des Münchner Amoklaufs und des Reutlinger Dönermessermords bestätigte sich das nicht. In Reutlingen war es wohl eine Beziehungstat.

Seit diesem Dienstag muss sich der mutmaßliche Täter vor dem Tübinger Landgericht für seine Tat verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt ihm zur Last, seine 45 Jahre alte Sexualpartnerin und Arbeitskollegin Jolanta K. getötet zu haben. „Er schlug und verletzte sie mit dem Dönermesser schwer“, sagte der Staatsanwalt bei der Verlesung der Anklageschrift. Die vierfache Mutter, die aus Polen nach Deutschland gekommen war, um mit dem Job im Dönerladen ihre Familie zu unterstützen, verblutete auf der Straße.

Auf seiner Flucht lief der Asylbewerber weiter durch die Innenstadt und fügte einem Besucher eines Döner-Restaurants eine schwere Kieferverletzung zu. „Hätte er den Hieb tiefer angesetzt, wäre auch dieser Shisha-Raucher gestorben“, sagte der Staatsanwalt. Mohammed H. griff einen weiteren Passanten an, der sich erfolgreich mit einem Stuhl wehrte und den Angreifer in die Flucht schlagen konnte. Mohammed H. setzte seine Flucht fort, demolierte ein Auto und fügte einer Frau schwere Halsverletzungen zu. Schließlich konnte er überwältigt werden. Die Staatsanwaltschaft nennt den Angeklagten einen „Amokläufer“. Zusätzlich zum Mordvorwurf muss er sich wegen versuchten Mordes in zwei Fällen und wegen schwerer Körperverletzung verantworten.

Wie es zu dieser Tat kam, muss die Verhandlung vor der Tübinger Strafkammer zeigen. Politische Motive sind ausgeschlossen. Der Angeklagte macht nur Angaben zur Person – er bestreitet die Tat nicht, hat aber auch kein Geständnis abgelegt.

Am ersten Verhandlungstag standen Motive und Tathergang für den kaltblütigen Mord nicht im Vordergrund, stattdessen versuchte der Vorsitzende Richter zu klären, wie alt der Angeklagte ist; ob sein Fall zu Recht vor dem Landgericht nach Erwachsenenstrafrecht verhandelt wird oder er sich wegen eines möglicherweise geringeren Alters doch vor eine Jugendkammer verantworten muss.

Bei Heranwachsenden im Alter zwischen 18 und 20 Jahren wird nach Jugendstrafrecht verhandelt. In einer Vernehmung durch die Polizei behauptete der Angeklagte, am 16. November 1995 geboren zu sein, dann wäre er zur Tatzeit noch nicht 21 Jahre alt gewesen. In einem Telefonat, das ein Kriminalkommissar mit den in Aleppo lebenden Eltern geführt hatte, gab die Mutter zu Protokoll, ihr Sohn sei am 16. November 1994 geboren worden. In den vorhandenen Dokumenten der syrischen Behörden ist als Geburtsdatum der 1. Januar 1995 angegeben. Ein Freund des Täters sowie ein Jugendgerichtshelfer berichteten im Zeugenstand, dass Mohammad H. zur Tatzeit schon 21 Jahre gewesen sein muss. Mediziner können selbst mit Röntgenaufnahmen das Alter eines Menschen nur mit einer Toleranzabweichung von zwei bis drei Jahren klären.

Die Altersfeststellung stellt viele Gerichte, die über Straftaten von Flüchtlingen verhandeln, vor Schwierigkeiten. Denn es fehlen oft Papiere oder die Angeklagten versuchen in Kenntnis des deutschen Jugendstrafrechts, ihr Alter zu verschleiern. Jugendstrafsachen werde nicht öffentlich verhandelt; beim Strafmaß gibt es große Unterschiede: Nach dem Jugendstrafrecht kann ein Mörder höchstens zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt werden, nach Erwachsenenstrafrecht kann ihm auch eine lebenslängliche Strafe drohen. Die Kammer entschied am Dienstag, das Verfahren gegen Mohammed A. weiterhin nach Erwachsenenstrafrecht zu führen.

http://www.faz.net/aktuell/prozess-gegen-den-angreifer-mit-dem-doenermesser-mohammed-h-14745345.html