Wenn die 16-jährige Safia S. und der Mitangeklagte Mohamad Hasan K. (20) den Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Celle betreten, sehen sie kaum aus wie Sympathisanten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Dennoch müssen beide sich für die erste vom IS in Deutschland beauftragte Terrortat verantworten.

Nach der Messerattacke auf einen Polizisten in Hannover setzt die Bundesanwaltschaft auf ein abschreckendes Urteil: Sie forderte für Safia am Donnerstag sechs Jahre Haft wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung sowie Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Mohamad Hasan K. soll als Mitwisser drei Jahre wegen der Nichtanzeige einer geplanten Straftat hinter Gitter.

Trotz unauffälliger Kleidung und zurückhaltenden Auftritts stehen mit den beiden Prototypen eines neuen islamistischen Terrors vor Gericht. Über das Internet radikalisiert, oft mit familiären Wurzeln in muslimischen Ländern, enden diese jungen Leute nicht mehr auf den Schlachtfeldern des IS in Syrien oder dem Irak oder kehren als potenzielle Attentäter zurück.

Vielmehr sind sie über Propaganda und Chats mit IS-Drahtziehern ferngesteuert und sollen Anschläge in ihren europäischen Heimatländern verüben. Die Deutsch-Marokkanerin Safia etwa soll nach der gescheiterten Ausreise nach Syrien kurz vor der Attacke noch mit einem IS-Kontakt, einer „Leyla“, gechattet haben.

Zugleich sind Safia sowie der Deutsch-Syrer Mohamad Hasan aber auch Beispiele für das mangelnde Vermögen der Sicherheitsbehörden, als gefährlich identifizierte radikalisierte Personen in Schach zu halten.

Obwohl Safia schon vor Jahren ins Visier der Ermittler geriet und nach der gescheiterten Reise Richtung Syrien am Flughafen Hannover von Fahndern in Empfang genommen wurde, vermochten diese den Messerangriff wenige Wochen später Ende Februar 2016 nicht zu verhindern. Zwar kassierten sie Safias Handys ein, die auf Arabisch verfassten IS-Anweisungen übersetzten sie aber erst Anfang März, als es zu spät war.

Auch Mohamad Hasan gelang kurz vor Prozessbeginn die Flucht, erst in Griechenland konnten Fahnder ihn fassen. Einen Tag vor seiner Flucht hätten Beamte noch einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort gehabt, tags drauf habe es Anzeichen einer Flucht gegeben und die Fahndung sei eingeleitet worden, erklärte das Landeskriminalamt Ende September. Warum die Überwachung nicht so engmaschig war, dass der junge Mann einfach festgesetzt wurde, sagte die Polizei nicht.

Vollkommen aus dem Nichts kam Safias Messerattacke Ende Februar 2016 für die Sicherheitsbehörden also nicht – allerdings wohl für den im Hauptbahnhof bei einer Routinekontrolle angegriffenen 34 Jahre alten Bundespolizisten.

Er erlitt eine lebensbedrohliche Stichwunde am Hals, sein Kollege überwältigte die Gymnasiastin. Aus der Untersuchungshaft heraus entschuldigte sich Safia später bei dem Beamten für die Attacke.

Der Prozess findet wegen des jugendlichen Alters der Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. An der Verhandlung nahmen ein Islamwissenschaftler und eine Jugendpsychiaterin teil, die die geistige und sittliche Reife der Angeklagten beurteilte.

An diesem Freitag werden die Plädoyers der Verteidiger erwartet. Die Urteile sollen am Donnerstag kommender Woche gesprochen werden.

https://www.welt.de/politik/deutschland/article161340529/Safia-S-ist-der-Prototyp-des-neuen-islamistischen-Terrors.html


Als Terroristen das Redaktionsbüro der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris stürmten und zwölf Menschen ermordeten, war die Betroffenheit weltweit groß. Im Politikunterricht des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums in Hannover saß indes ein Mädchen, 14 Jahre alt, und hatte Verständnis für den Terrorakt. Sie sprach vom Zorn der muslimischen Welt, von der „Schmähung des Propheten“.

Am Vormittag nun betrat dieses Mädchen, inzwischen 16 Jahre alt, den Saal 94 des Oberlandesgerichts Celle: Safia S., angeklagt wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Unterstützung der ausländischen terroristischen Vereinigung „Islamischer Staat“ (IS).

Safia S. stieß am 26. Februar am Hannoveraner Hauptbahnhof einem Bundespolizisten ein Messer in den Hals. Nach Überzeugung des Generalbundesanwalts hatte sie den Mann und seinen Kollegen, die in schuss- und stichsicheren Schutzwesten Streife liefen, bewusst als Ziel ausgewählt. Safia S. soll geplant haben, den Beamten umzubringen, ihm seine Dienstwaffe zu entziehen und mit ihr weitere Menschen zu töten. Ihren eigenen Tod soll sie in Kauf genommen haben, es sollte ein „Märtyrertod“ sein.

Im Saal nimmt ein blasses Mädchen Platz zwischen ihren beiden Verteidigern. Es trägt ein beigefarbenes Kopftuch, eine Brille, einen langen, hellgrauen Wollmantel mit Kapuze und Turnschuhe. „Wie wollen wir es mit der Anrede halten“, fragt der Senatsvorsitzende. „Safia und du oder Frau S. und Sie?“ Safia S. beugt sich zu dem Mikrofon vor ihr: „Safia und du reicht auch.“

Sie weiß gar nicht, dass sie zwei Staatsbürgerschaften besitzt

In der letzten Reihe des Zuschauerraums sitzen drei verschleierte Frauen, teils mit Niqab und Sonnenbrille. Sie geben an, zu Safia S. zu gehören. Jenem Mädchen, das in Hannover geboren wurde und dort aufwuchs, das zur Klassensprecherin gewählt wurde, Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch spricht und strafrechtlich zuvor nicht aufgefallen war. Das eigenen Angaben zufolge fünfmal am Tag betet, die Moschee besucht, sich fest an alle muslimischen Glaubensregeln und Rituale hält. Ihr ganzer Körper verlange nach dem Gebet, sagte sie einmal; und wenn sie die Sure Al-Fath rezitiere, liefen ihr die Tränen über die Wangen. Ihr deutscher Vater konvertierte zum Islam, ihre marokkanische Mutter gilt als strenggläubig.

„Du besitzt die deutsche und die marokkanische Staatsangehörigkeit?“, fragt der Senatsvorsitzende. „Nur die deutsche“, antwortet Safia S. In den Akten aber stehe etwas anderes, entgegnet der Richter. Vermutlich wisse sie gar nicht, dass sie auch die marokkanische besitze. Ihr Verteidiger Mutlu Günal bestätigt das.

Der Prozess wird aufgrund des Alters der Angeklagten und zu ihrem Schutz für die gesamte Verhandlungsdauer unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Das verkündet der Senat nach einer kurzen Beratungspause.

Der Generalbundesanwalt wird in der Hauptverhandlung versuchen, der 16-Jährigen, die schon als Neunjährige mit dem bekannten Salafistenprediger Pierre Vogel öffentlich auftrat und Koranverse zitierte, nachzuweisen, dass sie den Anschlag auf den Polizeibeamten geplant hat; dass sie im Auftrag des IS handelte, geleitet von ihrer tief fundamentalistischen Einstellung zum Islam.

Er wird versuchen, das kurze Leben der Safia S. akribisch zu durchleuchten. Dabei werden auch solche Szenen wie die im Politikunterricht nach dem Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion zur Sprache kommen. Es ist nicht das einzige Ereignis in der Schule, das das Mädchen von anderen muslimischen Mädchen unterscheidet. So soll Safia S. wenige Wochen vor der Tat im Französischunterricht aufgefallen sein, als sie Texte über den islamistischen Terrorismus als Diskriminierung von Muslimen wertete und sich im Anschluss weigerte, weiterhin den Kurs zu besuchen.

Ist Safia S. eine militante Fundamentalistin? Flog sie Ende Januar, einen Monat vor der Tat, in die Türkei, um sich dem IS anzuschließen? Wurde sie in Syrien von Anhängern des IS aufgehetzt, zurück nach Deutschland zu fliegen und dort eine Gewalttat zu begehen? Ihr Anwalt Günal bestreitet einen terroristischen Hintergrund und spricht von „dilettantisch geführten Ermittlungen“.

Auf ihrem Handy hatte Safia S. Enthauptungsszenen aus IS-Propagandavideos und andere IS-verherrlichende Filme und Fotos gespeichert. Ihrem Kumpel Mohamad K., einem 20-Jährigen aus Hannover mit deutscher und syrischer Staatsangehörigkeit, soll sie in Chats angekündigt haben, dass sie in Deutschland eine Tat als Märtyrerin verüben wolle.

Mohamad K. ist ebenfalls angeklagt, er gilt als Mitwisser. Er soll Safia S. für ihren Mut bewundert haben, sich dem IS anzuschließen und nach Syrien zu gehen. In Saal 94 erscheint ein großer, junger Mann, der im Alter von neun Jahren mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern vor einem gewalttätigen Vater in ein Frauenhaus flüchtete. Er sei noch Schüler, sagt er vor Gericht. Auch er erfährt erst am Mittwoch vom Senatsvorsitzenden, dass er auch die syrische Staatsbürgerschaft besitzt.

Mohamad K. hatte noch versucht, sich vor dem Prozess abzusetzen. Erst vor wenigen Wochen wurde er in Griechenland festgenommen. Gegen ihn wird in einem weiteren Verfahren wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung sowie der Verabredung eines Mordes und des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion ermittelt. Mohamad K. soll in den angeblichen Plan verwickelt gewesen sein, einen Anschlag auf das Fußballländerspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden zu verüben. Die Partie wurde am 17. November 2015 in Hannover kurzfristig wegen der Bedrohungslage abgesagt.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/safia-s-so-laeuft-der-prozess-gegen-die-16-jaehrige-in-celle-a-1117506.html


Die 16 Jahre alte Schülerin Safia S. ist als erste IS-Sympathisantin wegen einer Terrorattacke in Deutschland zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Das Oberlandesgericht Celle verhängte eine Strafe von sechs Jahren, wie eine Gerichtssprecherin am Donnerstag sagte. Die Schülerin hatte vor knapp einem Jahr in Hannover einen Polizisten mit einem Messer schwer verletzt. Der 34 Jahre alte Beamte überlebte den Angriff.

Die Tat diente aus Sicht des Gerichts der Unterstützung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Ermittler werten den Angriff als die erste vom IS in Deutschland in Auftrag gegebene Tat. S. hat den Angriff gestanden und den Polizisten in einem Brief aus der Untersuchungshaft sowie im Prozess um Entschuldigung gebeten.

Der Verteidiger von Safia S. kündigte an, in Revision zu gehen. Die Strafe sei zu hoch, sagte Anwalt Mutlu Günal unmittelbar nach der Urteilsverkündung. „Das eigentliche Versagen liegt bei der Polizei in Hannover.“ Wenn alle aufgepasst hätten, hätte die Tat verhindert werden können. Den Messerangriff wertet er allein als schwere Körperverletzung. Er sieht weder eine Tötungsabsicht noch die Unterstützung der Terrormiliz IS als erwiesen an. „Radikale Attentäter haben sich, glaube ich, noch nie bei ihren Opfern entschuldigt“, argumentierte Günal. 15-jährige Teenager (S. war zum Tatzeitpunkt 15 Jahre alt) könnten noch keine gefestigte Einstellung haben.

Die Bundesanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung sowie Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung für die Deutsch-Marokkanerin gefordert. Die Verteidigung hatte eine milde Strafe gefordert und für eine Verurteilung der Schülerin ausschließlich wegen gefährlicher Körperverletzung plädiert, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen.

Laut der Ermittlungen war die radikalisierte Gymnasiastin im Januar 2016 nach Istanbul geflogen, um von dort aus mit Hilfe von IS-Leuten nach Syrien zu gelangen. An der Weiterreise aber hinderte sie ihre Mutter, die sie zurückholte. Über einen Internet-Nachrichtendienst soll Safia Kontakt zum IS gehalten und dann im Hauptbahnhof Hannover die Messerattacke auf den Polizisten verübt haben.

Der als Mitwisser mitangeklagte 20 Jahre alte Deutsch-Syrer Mohamad Hasan K. wurde zu zweieinhalb Jahren Haft wegen der Nichtanzeige einer geplanten Straftat verurteilt. Die Anklage hatte auf drei Jahre Gefängnis plädiert, die Verteidigung forderte Freispruch. Gegen ihn ermittelt die Bundesanwaltschaft weiterhin, weil er mit den angeblichen Terrorplänen zu tun haben könnte, die zur Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover im November 2015 führten.

Der Prozess am Oberlandesgericht Celle fand wegen des jugendlichen Alters der Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/terrorattacke-in-hannover-sechs-jahre-haft-fuer-safia-s-nach-angriff-auf-einen-polizisten-14760609.html

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