04.05.2017, 19:11

Die Generalstaatsanwaltschaft Celle wirft einem 18-Jährigen vor, am 5. Februar 2016 zwei Molotow-Cocktails in den Haupteingang eines Einkaufszentrums in Hannover geworfen zu haben. Der Angeklagte ist Saleh S., der ältere Bruder der bereits verurteilten IS-Sympathisantin Safia S.

Der Fall Safia S.
Safia S. ist erst 16 Jahre alt. Doch sie hat traurige Berühmtheit erlangt als die Frau, die den ersten von der Terrormiliz IS gesteuerten Anschlag in Deutschland verübt hat. Die damals 15-Jährige hatte am 26. Februar 2016 einen Polizisten am Hauptbahnhof in Hannover angegriffen und mit einem Messer schwer verletzt. Im Januar 2017 verurteilte das Oberlandesgericht Celle das sogenannte „IS-Mädchen“ zu einer sechsjährigen Haftstrafe.

Der Fall Saleh S.
Safia S. ist nicht die einzige radikale Islamistin in ihrer Familie. Zusammen mit ihrem Bruder Saleh war sie Teil eines islamistischen Netzwerkes in der niedersächsischen Hauptstadt. Und wie seine Schwester schreckte offenbar auch der ältere Saleh nicht vor Gewalt zurück. Wenige Tage, bevor Safia auf den Polizisten losging, soll Saleh S. als 17-Jähriger am Abend des 5. Februar 2016 einen Molotow-Cocktail vom Dach eines Einkaufszentrums in Hannover geworfen haben. Wie durch ein Wunder verfehlten die Wurfgeschosse nur ganz knapp Menschen, verletzt wurde niemand. Die Brandsätze erloschen beim Aufprall, weil die Flaschen mit dafür ungeeignetem Diesel-Kraftstoff gefüllt waren. Nun muss sich Saleh S. vor dem Landgericht Hannover wegen versuchten Mordes verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er „Ungläubige“ töten wollte.

Der Prozess rückt eine Familie wieder in den Fokus, die den Sicherheitsbehörden seit Jahren bekannt ist. Schon als Siebenjährige war Safia S. mit Deutschlands inzwischen bekanntestem Salafisten Pierre Vogel aufgetreten. Von den entsprechenden Internetvideos bekamen die Sicherheitsbehörden 2008 Wind. In den folgenden Jahren erfuhren sie von weiteren Auftritten des kleinen Mädchens mit Vogel. Aber trotzdem befürchteten sie keine islamistische Radikalisierung des Mädchens. Auch ihr Bruder Saleh war den Sicherheitsbehörden Medienberichten zufolge schon länger bekannt. So soll er wie seine Schwester eine vom Verfassungsschutz beobachtete Moschee besucht haben.

Im Zuge der Ermittlungen gegen Safia S. äußerte sich auch der Vater der beiden Geschwister. Robin S. ist Deutscher und war mit der marokkanischen Mutter von Safia und Saleh verheiratet. Für sie war er zum Islam konvertiert, später trennte sich das Paar. Safia und ihre zwei älteren Brüder wuchsen bei der Mutter auf. Robin S. macht die Mutter für die Radikalisierung der Kinder verantwortlich. Sie habe streng religiös gelebt und ihre Kinder dementsprechend erzogen, sagte er in einem NDR-Interview.

Im Januar 2016 hatte sich Safia S. auf den Weg nach Syrien gemacht, um sich dem IS anzuschließen. Ihrer Mutter war es gelungen, die Tochter vorher aus der Türkei zurückzuholen.

Die IS-Kontakte von Saleh S.
Safias Bruder Saleh wollte offenbar seiner Schwester nacheifern. Nach dem Brandanschlag soll er während einer Türkei-Reise Kontakt zum IS gesucht haben.

In der Türkei wurde er zweimal festgenommen und kehrte nach Deutschland zurück. Dort landete er in der Psychiatrie. Gegen ihn wurde fortan wegen der Ausreise zum Zweck der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt, wie der NDR berichtet. Aber dass er womöglich für den Brandanschlag in Hannover verantwortlich sein könnte, schwante den Ermittlern erst später. Auf die Spur des inzwischen 18-Jährigen waren die Ermittler offenbar durch einen Zufallsfund bei einer Durchsuchung im Rahmen eines anderen Verfahrens gekommen.

Der Prozess gegen Saleh S.
Schon beim Verfahren gegen seine Schwester Safia gab es Kritik an den Sicherheitsbehörden, dass sie nicht früher eingeschritten sind. Auch im Verfahren gegen Saleh wird möglicherweise die Frage aufkommen, wann die Behörden was über ihn wussten und ob eine solche Tat nicht zu verhindern gewesen wäre.

Saleh S. droht mehrjährige Haftstrafe
In dem am 8. Mai beginnenden Prozess wird es auch darum gehen, ob Saleh S. überhaupt strafrechtlich zu Verantwortung gezogen werden kann. Denn im Ermittlungsverfahren ergaben sich Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung des jungen Mannes. Ein Gutachter wird im Verfahren dazu aussagen. Saleh S. hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert, sein Anwalt wollte auf Anfrage von FOCUS Online keine Stellung nehmen. Der Prozess wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, da Saleh S. zur Tatzeit minderjährig war. Sollte er voll schuldfähig sein, droht ihm eine Jugendstrafe von maximal zehn Jahren.

http://www.focus.de/politik/deutschland/prozessbeginn-in-hannover-is-maedchen-safia-bruder-saleh-steht-wegen-anschlags-gegen-unglaeubige-vor-gericht_id_7081929.html

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