15. Januar 2018 15:55

Der Streit zwischen zwei Brüdern und einem entfernten Verwandten um ein Auto eskalierte. Jetzt stehen die Männer wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht.

Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Oder um mit Karl Kraus zu reden: „Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit.“ In der Groß-Familie O. reizte man sich sogar bis aufs Messer.

Die Brüder Ali (34) und Omar O. (23) aus Kreuzberg stehen seit Montag wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht. Am 14. Dezember 2015 gerieten sie mit einem entfernten Verwandten in blutigen Streit. Worum es ging?

„Der Ursprung war eine Auseinandersetzung unter zwei Frauen“, sagte der ältere Angeklagte in einem Satz – mehr nicht. Eine Auseinandersetzung, die an jenem Mittag in der Gneisenaustraße von den Männern weitergeführt wurden.

Omar O.: „Ibrahim beschuldigte meinen Bruder, dessen Auto beschädigt zu haben. Als wir aus dem Auto ausstiegen, schrie er Ali an, stürzte sich mit Fäusten auf ihn. Ich bin dazwischen.“

Laut Anklage hielt der Ältere der Brüder Schwippschwager Ibrahim El A. (25) nun eine scharfe halbautomatische Waffe vor, während der Jüngere ein Messer zog und dem Kontrahenten eine sieben Zentimeter lange, klaffende Wunde in die linke Flanke stach.

Nachdem wiederum Omar O. ihm zwischenzeitlich noch einen kräftigen Tritt in den Oberschenkel verpasst hatte, wollte Ali O. erneut zustechen – diesmal in die Brust. Doch der Kontrahent konnte mit einem Schlag den Stich in den rechten Unterarm abfälschen. Zwei Schlichter mischten sich endlich ein, konnten die Brüder wegdrängen.

Ali O. stellte im Prozess die Sache als eine Art Notwehr dar. Danach habe Ibrahim ihm provozierend zugewinkt, sei auf ihn zugekommen. „Ich nahm vorsichtshalber mein kleines Taschenmesser aus der Tasche. Ich hätte keine andere Chance gehabt. Er ist viel kräftiger und als Boxer mir überlegen.“ Und plötzlich sei da Blut gewesen.

„Ich habe gar nicht gesehen, dass Ali überhaupt ein Messer hatte. Überhaupt war es eine undurchsichtige Situation. Wir waren auf einen Angriff nicht gefasst.“, sagte Bruder Omar aus. Eine Pistole vor Ort bestritt er, gab deren Besitz aber zu.

„Eine alte rostige, versteckt zu Hause. Hatte ein Gast mal im Café liegenlassen.“ Das Versteck habe er Ibrahim mal gezeigt. „Ich bedaure, dass er so schwer verletzt wurde. Ich habe nur versucht, Ali und mich zu schützen.“

Das Opfer dagegen hüllte sich am Montag in Schweigen, um der Gefahr einer Selbstbelastung aus dem Wege zu gehen. Andere Zeugen verweigerten aufgrund ihres Verwandtschaftsverhältnisses die Aussage.

Fortsetzung: Montag, den 22. Januar.

https://www.bz-berlin.de/tatort/menschen-vor-gericht/mit-einem-messer-gingen-sie-auf-ihren-verwandten-los


15.01.18, 21:05 Uhr

Verwandt, verschwägert, zerstritten: Der Zoff lief auf offener Straße aus dem Ruder und führte nun zu einem Familientreffen vor Gericht.

Zwei Brüder auf der Anklagebank: Ali O. (34) und Omar O. (23). Der Ältere jobbt im Café des Jüngeren. Sie verstehen sich blendend. Und sollen gemeinsam losgezogen sein, um einem „Schwipp-Schwager“ eine Abreibung zu verpassen.

Showdown vor einem Lokal in Kreuzberg am 14. Dezember 2015 gegen 12.30 Uhr. Die Brüder in einer Rangelei mit Ibrahim A. (25), zwei Schlichter kamen noch hinzu. Omar O. soll eine scharfe Pistole bei sich getragen haben. Ali O. zog ein Messer, stach es schließlich A. in die linke Flanke. 

Er holte angeblich zu einem zweiten Messer-Hieb aus – „in Richtung Brust“, so die Anklage. Dabei habe er den Tod von A. mindestens billigend in Kauf genommen. Ein Augenzeuge habe Schlimmeres verhindert: „Es gelang ihm, den Arm von Ali O. wegzuschlagen.“ 

Die Brüder aber: Es sei Notwehr gewesen. Ali O.: „Als Omar und ich aus dem Auto stiegen, stürzte sich A. unvermittelt auf mich.“ A. sei Boxer, ihm körperlich klar überlegen. Ali O.: „Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, zog ich ein Taschenmesser.“ Er habe A. nicht verletzen wollen. Und Omar O.: „Ich hatte keine Pistole.“

Angeblich löste ein Zoff zwischen zwei Frauen den blutigen Streit der über drei Ecken verschwägerten Männer aus. Außerdem war Auto von A. zerkratzt. Die Brüder O.: „Wir wurden beschuldigt.“ Sie hätten damit aber nichts zu tun.

War es wirklich Notwehr? Der damals verletzte Ibrahim A. half den Richtern bei der Frage nicht weiter: Er machte von seinem Schweigerecht Gebrauch. Auch sein Vater, damals Augenzeuge, schwieg. Der Prozess um versuchten Totschlag geht am Montag weiter.

https://www.berliner-kurier.de/berlin/polizei-und-justiz/nach-messer-attacke-familientreff-vorm-richter-29488814