27.05.17

Istanbul – Die Schüsse kamen unerwartet. Die 23-jährige Hatun Sürücü hielt einen Kaffee und eine Zigarette in der Hand, als sie von ihrem jüngsten Bruder Ayhan an einer Berliner Bushaltestelle getötet wurde.

Mehr als zwölf Jahre ist das her. Der Täter gab an, seine Schwester wegen ihres westlichen Lebensstils getötet zu haben. Er wurde zu neueinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt, saß die Haft ab und wurde in die Türkei abgeschoben.

Nur: Dass Ayhan Sürücü alleine gehandelt hat, glaubt die Staatsanwaltschaft des Istanbuler Strafgerichts in Kartal nicht. Seine älteren Brüder, heute 36 und 38 Jahre alt, sollen den Jüngsten beauftragt haben, um die Familienehre wiederherzustellen. Seit mehr als einem Jahr stehen sie in Istanbul vor Gericht. Ihnen wird Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung ihrer kleinen Schwester vorgeworfen. Der Ältere soll zudem die Tatwaffe besorgt haben. Am Dienstag wird ein Urteil erwartet. Den Brüdern droht lebenslange Haft. Nach Einschätzung der Anwältin und Frauenrechtlerin Rukiye Leyla Süren, die als Beobachterin am Prozess teilnimmt, steht der Fall stellvertretend für die Rechte aller getöteten Frauen. Sie hofft, dass es zu einem Urteil kommt, das „abschreckende Wirkung“ habe.

Hatun Sürücü war mit 15 Jahren in der Türkei mit ihrem Cousin zwangsverheiratet worden. Sie kehrte ohne ihren Mann und schwanger nach Deutschland zurück. Mit ihrer streng religiösen Familie gab es bald Streit, wie aus den Gerichtsunterlagen hervorgeht. Hatun zog ihren Sohn allein groß, machte eine Lehre zur Elektroinstallateurin und führte ein selbstständiges Leben.

Der Täter sagte an einem Verhandlungstag in Istanbul als Zeuge aus, seine Brüder hätten mit dem Mord nichts zu tun. Am Lebensstil seiner Schwester habe er sich nicht gestört und widersprach damit seiner früheren Aussage. Die Ehefrau des jüngeren Angeklagten, Geschwister und ein Arbeitskollege wurden im Prozess vernommen, Fotos herumgereicht – die Familie versuchte so vor Gericht deutlich zu machen, dass sie modern sei und nichts gegen einen westlichen Lebensstil habe. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Gemeinsam hätten sie beschlossen, dass der jüngste Bruder die „Ehre säubern“ solle.

Nach Angaben von Frauenrechtlerin Süren bezieht sich der Staatsanwalt auf eine Besonderheit im türkischen Strafgesetz, dem „Brauch“ als Beweggrund. Dieser werde als erschwerter Umstand angesehen. Die Einführung dieses Details im Gesetz im Jahr 2005 sei das Ergebnis eines „sehr langen Kampfes der Frauenrechtlerinnen“ in der Türkei gewesen. Morde an Frauen seien in der Türkei nach wie vor ein sehr großes Problem – Fälle in denen die Familie den Mord gemeinsam beschließt, jedoch nicht mehr so häufig. Öfter handele es sich um Einzeltäter.

https://www.ovb-online.de/politik/urteil-prozess-ehrenmord-8354437.html


https://de.wikipedia.org/wiki/Hatun_S%C3%BCr%C3%BCc%C3%BC


30.05.2017

Der Freispruch des Istanbuler Gerichts für schwere Straftaten kam überraschend. Die beiden Angeklagten Mutlu und Alpaslan Sürücü wurden in allen Anklagepunkten frei gesprochen. Ihnen war Beihilfe zum vorsätzlichen „Ehrenmord“ an ihrer Schwester Hatun Sürücü vorgeworfen worden. Die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü war im Februar 2005 in Berlin mit einem „Ehrenmord“ getötet worden.

Die Istanbuler Staatsanwaltschaft hatte für Mutlu und Alpaslan Sürücü, die zum Zeitpunkt der Tat 24 und 25 Jahre alt waren, lebenslange Haft gefordert. Die beiden hatten sich nach dem Mord in die Türkei abgesetzt, dort erhob die Staatsanwaltschaft im Juni 2015 Anklage gegen sie. Die Anklage warf ihnen vor, ihren jüngsten Bruder Ayhan zu der Tat angestiftet und die Waffen besorgt zu haben. Der Prozess begann im Januar 2016, am Dienstag wurde das Urteil verkündet.

Das Gericht für schwere Straftaten kam zu dem Ergebnis, dass „nicht genügend eindeutige und glaubhafte, klare Beweise gefunden werden“ konnten. Zudem sprach es den Älteren der beiden Angeklagten, den 38 Jahre alten Mutlu Sürücü, aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf des illegalen Waffenbesitzes frei.

Hatun Sürücü war im Februar 2005 von ihrem jüngsten Bruder Ayhan an einer Bushaltestelle in Berlin erschossen worden. 2006 verurteilte das Landgericht Berlin Ayhan Sürücü wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten. Die Richter stellten fest, dass Ayhan Sürücü seiner Schwester mit Tötungsvorsatz mehrmals aus nächster Nähe in den Kopf geschossen hatte, da er ihre an westlichen Maßstäben orientierte Lebensführung verachtete und die aus seiner Sicht verletzte Familienehre wiederherstellen wollte. Die beiden mitangeklagten Brüder Mutlu und Alpaslan Sürücü wurden 2006 aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die beiden hatten behauptet, erst nach der Tötung der Schwester von der Tat erfahren zu haben.

Im Revisionsverfahren hob der Bundesgerichtshof (BGH) die Freisprüche jedoch auf. Die Richter beanstandeten, dass das Landgericht den Aussagen der Freundin des verurteilten jüngsten Bruders zu wenig Gewicht beigemessen habe. Außerdem habe die Beweiswürdigung Lücken aufgewiesen, da etwa eine SMS, die Ayhan Sürücü kurz vor der Tat an seinen Bruder Alpaslan geschickt hatte, nicht berücksichtigt worden sei. Die BGH-Richter bemängelten in ihrer mündlichen Begründung die „durchgreifende Schwäche“ des Berliner Urteils trotz des „Bemühens um Gründlichkeit“ bei einer „heiklen“ und „besonders komplizierten“ Beweislage.

Der Fall wurde an das Berliner Landgericht zurückverwiesen. Doch die Brüder Mutlu und Alpaslan Sürücü hatten sich inzwischen schon in die Türkei abgesetzt. Da die türkischen Behörden eine Auslieferung ablehnten, musste die Berliner Staatsanwaltschaft das Verfahren 2008 einstellen. Ein Grund für das Istanbuler Urteil dürfte nun gewesen sein, dass eine Zeugin und Freundin der Familie, deren Aussage zur Revision durch den Bundesgerichtshof beigetragen hatte, nicht mehr auffindbar war und nicht vernommen werden konnte.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/mangel-an-beweisen-freispruch-im-mordprozess-fuer-brueder-von-hatun-sueruecue-15039377.html?GEPC=s6

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